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Vorwort

Was ihr hier in Händen haltet, ist die Geschichte eines Jungen aus dem Mecklenburgischen, der seinen Traum lebt. Es ist meine Geschichte.

Ich bin Thomas Schröder und ich möchte euch einladen, mein bisher größtes Abenteuer mit mir noch einmal Revue passieren zu lassen.

Geboren wurde ich 1983 im kleinen Städtchen Malchin. In einfachen Verhältnissen als Sohn einer Laborantin und eines Agrartechnikers aufgewachsen, habe ich schon früh die ländliche Umgebung meiner Heimat schätzen gelernt und bin der Enge der Wohnung entflohen. Ich genoss die Freiheit in der Natur und habe Baumhäuser gebaut, bin mit dem Fahrrad unterwegs gewesen oder habe einfach nur herumgetobt.

Fast unausweichlich war zur damaligen Zeit der Start einer Traumkarriere als Fußballstar im Heimatverein. Und so schloss ich mich dem Gnoiener SV an, um das Treten gegen den Ball zu erlernen. Die ersten Jahre hatte ich auch sehr viel Spaß und Freude daran, mit meinen Freunden dem Ball nachzujagen. Doch nach und nach verlor das Spiel seinen Reiz für mich und so kam es mir ganz recht, dass ich, damals dreizehnjährig, von meinem heutigen Leichtathletiktrainer Stephan Koll vom Gnoiener SV angesprochen und zu einem Training eingeladen wurde.

Und was soll ich sagen? Ich war Feuer und Flamme und hatte meinen Sport gefunden.

Diesen betrieb ich mit viel Enthusiasmus und Elan und ich fühlte mich auf meinem Weg unaufhaltsam, bis ich jäh gestoppt wurde.

Im Mai 2001 nahm mein bis dahin perfektes und geradeaus laufendes Leben eine scharfe Kurve, auf die ich nicht vorbereitet war.

An jenem Tag im Mai nutzte ich das herrliche Frühlingswetter, um mit meinem Motorrad eine Ausfahrt zu machen. Diese endete jäh an einem Pkw, der mich erfasste und mich vorerst aus meinen Träumen riss. Ungewollt machte ich Bekanntschaft mit der Härte des Asphalts und des Lebens.

Nach einer Woche im Koma wurde ich mit dem Ergebnis des Aufpralls und mit meinem Schicksal konfrontiert – schwerste Verletzungen am ganzen Körper, vor allem meine Arme und Beine waren in Mitleidenschaft gezogen. An ein Leben wie vor dem Unfall, vor allem an meine Leidenschaft Leichtathletik, war in dem Moment nicht zu denken. Das Benutzen meiner Beine und den scheinbar simplen Vorgang des Gehens musste ich erst wieder erlernen. Ein Satz, den die Ärzte zu meiner Mutter sagten, hat sich in mein Gehirn eingebrannt: „Der Sport hat ihrem Sohn das Leben gerettet.“ Dieser Satz begleitet und motiviert mich seitdem täglich. Ich fasste schwer verletzt und nicht laufen könnend im Krankenbett einen Entschluss – ich wollte wieder laufen können und die Welt entdecken. Um es vorweg zu nehmen, beides habe ich bisher ganz gut umsetzen können.

Allerdings war mir im Krankenbett noch nicht klar, dass ich Jahre später die Welt auf einem Fahrrad erkunden würde.

Wie bereits erwähnt, begleitet mich das Radfahren schon seit meiner Kindheit und ich betreibe es ähnlich leidenschaftlich wie die Leichtathletik. Meine erste Radtour führte mich als Heranwachsender von Gnoien nach Rostock. Und da mein Bett in Gnoien stand, musste ich die gesamte Strecke von etwa fünfzig Kilometern auch wieder zurück radeln. Stolz erfüllte mich, als ich diese, sich für mich damals als Weltreise anfühlende, Tour erfolgreich beendete.

Im Sommer 2012 folgte dann meine erste größere Reise mit dem Rad. Ausgerüstet mit einem Zelt und dem Nötigsten machte ich mich auf den Weg von meiner ländlichen Heimatstadt Gnoien in die Metropole München. Nach sieben Tagen und über tausend Kilometern kam ich in der bayerischen Landeshauptstadt an und spürte wieder dieses unbeschreibliche Glücksgefühl, das mich bereits bei meiner ersten Tour nach Rostock erfasste. Angetrieben von diesem Gefühl plante ich bereits ein Jahr später die nächste Reise mit meinem Rad. Und da ich bereits Deutschland von Nord nach Süd durchfahren hatte, suchte ich eine neue Herausforderung. Nach dem Süden Deutschlands sollte nun der Süden Europas folgen. Also packte ich meine Sachen, schwang mich auf meinen Sattel und machte mich auf den Weg. Ich durchfuhr unter anderem Frankreich, erklomm den einen oder anderen Berg und erreichte nach 16 Tagen und 2000 Kilometern mein Ziel – Barcelona/Spanien.

Ein Jahr später, 2014, immer noch gefesselt von meiner Tour nach Barcelona, überlegte ich mir, inwiefern ich meinen Traum vom Krankenbett, die Welt zu entdecken, weiter träumen könnte. Es musste etwas sein, das mich wiederum in eine andere Region dieser Welt führt, das stand für mich fest. Beim Blick auf die Landkarte blieb ich in Skandinavien hängen – nein, zu kalt. Frankreich, Spanien – da war ich ja bereits. Also schweifte mein Blick Richtung Osten, ins Baltikum und nach Russland. Das klang schon sehr verlockend, allerdings war ich immer noch nicht so recht zufrieden. Mein Blick bewegte sich weiter in Richtung Osten und dann hatte ich es – China. Ein anderer Kontinent, fremde Kultur, dazu die zweitgrößte Sandwüste der Welt, und es ist ganz weit weg von Zuhause. Nicht, dass ich mein Zuhause nicht mag, aber ich suchte ja die Herausforderung und da kam mir China gerade recht. Mein Ziel stand fest, es sollte die chinesische Hauptstadt Peking sein. Gepackt von diesem Fieber und der Sucht nach den Glücksgefühlen meiner bisherigen Fahrten begann ich mit den Planungen.

Und dann war es endlich soweit, der Tag der Abreise war gekommen.

Vorbereitung auf die Reise

Eine Reise in die chinesische Hauptstadt bedarf für gewöhnlich schon einer etwas aufwendigeren Vorbereitung als beispielsweise eine Reise ins Ruhrgebiet. Diese geschätzt 12000 Kilometer allerdings mit dem Fahrrad zu absolvieren, bedeutet noch ein Vielfaches mehr an Vorbereitung. Mit den Planungen begann ich bereits im Frühjahr 2014. Zuallererst musste ich für mich klären, welche Route ich fahren werde. Zu bedenken galt es politische Situationen, aber auch mögliche organisatorische Probleme. So verzichtete ich beispielsweise darauf, die Ukraine zu durchqueren. Neben der angespannten Situation in der Ostukraine hätte ich auch noch ein Visum beantragen müssen. Und so entschied ich mich für eine zwar etwas längere, dafür aber sichere Strecke, die mich durch die baltischen Staaten Litauen und Lettland führen würde.

Laut meinen groben Berechnungen würde ich fünf bis sechs Monate für die 12000 Kilometer von Gnoien nach Peking brauchen. Blieb nur die Frage offen, wie ich das Ganze finanziere. Nach kurzer Recherche im Internet bin ich auf die Idee des Crowdfunding gestoßen. Hierbei stellen Menschen ihre Projekte vor, in der Hoffnung, viele Interessierte von ihrer Idee zu überzeugen und sie dadurch zu einer Art Spende zu bewegen. Diese Art der Finanzierung hatte einen gewissen Charme für mich und so eröffnete ich meine Projekt-Seite auf fairplaid.org. Einen Haken hatte diese spezielle Variante des Geldsammelns allerdings – es gibt eine Frist, innerhalb derer eine gewisse Geldsumme zusammenkommen muss. Zur Auswahl standen 3000 Euro und 5000 Euro, wobei ich mich letztendlich für 5000 Euro entschied, die ich glücklicherweise durch viele Unterstützer auch „einsammeln“ konnte.

Was jetzt noch fehlte, war das Fahrrad. Dies durfte kein gewöhnlicher Drahtesel sein, sondern ein Rad, das hohe Anforderungen erfüllen und den widrigen Verhältnissen auf so einer Tour trotzen muss. Dankenswerterweise kam mir der Tipp eines Freundes wieder in den Sinn, der mir einige Zeit vorher die Radstation in Rostock empfahl. Ich nahm Kontakt zu deren Inhaber Herrn Busch auf und erzählte ihm von meinem geplanten Abenteuer. Für uns beide stand fest, dass es ein Patria-Fahrrad sein muss. Diese Räder werden in Deutschland produziert und gehören zum Besten, was es auf dem Markt gibt. Ich besprach mit Herrn Busch meine Wünsche bezüglich des Rades und nach zwei Stunden stand die Konfiguration. Der Grundpreis des Rades betrug etwa dreitausendfünfhundert Euro, inklusive diverser Anbauteile war ich bei einem Preis von circa viertausend Euro. Vier Wochen vor Abreise wurde das Rad geliefert, und so hatte ich glücklicherweise noch etwas Zeit, um es auf Herz und Nieren zu prüfen. Getestet habe ich auch das E-Werk von Busch & Müller, mit dem ich während der Fahrt Energie erzeugen kann, um so meine elektrischen Geräte jederzeit laden zu können. Zu meiner Ausrüstung gehörte auch ein Pufferakku, der gewonnene Energie speichert.

Meine Planungen schritten voran. Die Strecke stand, die Geldakquise lief, das Fahrrad war bestellt – was jetzt noch fehlte, waren die Visa, ohne die ich in Russland, Kasachstan und China nicht einreisen dürfte.

Da ich nicht täglich ein Visum beantrage, habe ich mir Hilfe bei einer Visum-Agentur in Berlin gesucht.

Ein wenig problematisch gestaltete sich das Visum für China, da ab Zeitpunkt der Erteilung des Visums die Einreise innerhalb von drei Monaten erfolgen muss. Doch würde ich es nie und nimmer in drei Monaten bis zur chinesischen Grenze schaffen.

Was nun? Ich müsste es hinbekommen, die Erteilung des Visums so weit wie möglich hinauszuzögern. Da das Visum mit dem Tag der Ausgabe gültig wird, habe ich mir ein günstiges und seriöses Hotel in Kirgisistan gebucht und mit der Hotelleitung vereinbart, dass mein Visum dort hingeschickt werden könne. Von da würde ich die chinesische Grenze dann auch innerhalb der drei Monate erreichen, denn das Hotel liegt in Osh und das ist nur noch 350 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt.

Um mich gesundheitlich zu wappnen, nahm ich insgesamt fünf Impftermine in der Tropenmedizin Rostock wahr, denn von einem tropischen Insekt, das eine für Mitteleuropäer unverträgliche und ansteckende Krankheit in sich trägt, wollte ich mir meinen Traum nicht durchkreuzen lassen. Die Kosten von 500 Euro für die Impfungen rissen ein immer größer werdendes Loch in meinen Sparstrumpf und da auch meine Packliste immer länger wurde, begab ich mich notgedrungen auf Sponsorensuche.

Ich stellte also potenziellen Unterstützern mein Projekt persönlich, telefonisch oder per E-Mail vor und erhielt größtenteils positives Feedback. So wurde ich nicht nur finanziell unterstützt, sondern erhielt auch materielle Hilfe, unter anderem von einem Zelthersteller, einem Navigationshersteller und einer Bekleidungsmarke.

Meine Vorbereitungsliste war nun abgearbeitet, so dass mein Abenteuer starten konnte.

Da ich meine Wohnung gekündigt hatte, organisierte ich noch einen Hausflohmarkt, um meine Einrichtung und diverse Habseligkeiten zu verkaufen. Was wollte ich auch mit einer Schrankwand in Peking?

Da ich lediglich eine Einraumwohnung hatte und mein Mobiliar dementsprechend recht übersichtlich war, machte mir das Loslassen keinen größeren Kummer. Jedes dieser Dinge ist ersetzbar und mir war bewusst, dass ich Opfer bringen müsste für dieses Abenteuer. Ich hatte nur noch das Nötigste bei mir, was ich für die Reise brauchte. Aber selbst diese Dinge zu verpacken, beschäftigte mich mehrere Tage, vor allem die Entscheidung, was endgültig mitkommt und was ich dann doch zurücklasse.

Letztendlich war es vollbracht. Die Taschen standen gepackt in meiner sonst ziemlich leergeräumten, öden Wohnung. Mir wurde klar, es gab kein Zurück.